Internationales Literaturcafé: Sankt Petersburger Erzählungen
Zeichnung: Pedro Hafermann

Internationales Literaturcafé: Sankt Petersburger Erzählungen

Wann:
14. Februar 2019 um 19:00
2019-02-14T19:00:00+01:00
2019-02-14T19:15:00+01:00
Wo:
ZiBB - Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung
Hannah-Arendt-Straße 8-10; 35394 Gießen

Pedro Hafermann liest aus: „Ein schwaches Herz“ von Fjodor M. Dostojewski und „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Lew Tolstoj.

Tolstoj und Dostojewski, die beiden Flaggschiffe der russischen Literatur, gelten als sehr unterschiedliche Autoren. Dostojewskis Figuren zieht es oft in psychologische Extremsituationen und ins Krankhafte, während Tolstoj als feinsinniger und zuweilen stark moralisierender Beobachter des Alltags auftritt. Was wäre, hätten sie einmal mit ihrer je unverwechselbaren Handschrift über dasselbe Thema geschrieben?
Die Erzählungen „Ein schwaches Herz“ von Dostojewski und „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Tolstoj haben vieles gemein. Beide Geschichten spielen im winterlichen Sankt Petersburg, beide Hauptfiguren arbeiten im Gerichtswesen – und es ist beide Male genau diese Arbeitswelt, die sich für sie als toxisch erweist. Dadurch zeichnen die Geschichten eine erbitterte Sozialkritik, die sowohl auf die Verhältnisse in der zaristischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts als auch auf unsere heutige Leistungsgesellschaft erstaunlich gut passt. Und natürlich atmen beide den zeitlosen Dunst des Allzu-Menschlichen, der allen großen russischen Autoren gemein ist.
Pedro Hafermann wird uns die Meistererzählungen in eigens für diesen Abend behutsam gekürzten und sprachlich angepassten Textfassungen vorstellen.

EIN SCHWACHES HERZ
Fjodor M. Dostojewski (1849)

„Es geht um Dankbarkeit! Ich bin noch nie undankbar gewesen, Arkascha, noch nie! Aber wenn ich jetzt aufgebe, sieht es so aus, als wäre ich undankbar, und das – bringt mich um!“

Es ist der Silvesterabend 184*. Eigentlich müsste der kleine Beamte Wassja Schumkoff glücklich sein: vor wenigen Stunden hat er sich mit einer jungen Frau verlobt, die er schon lange liebt. Gäbe es bloß nicht diese „eilige, wichtige, schreckliche“ Schreibarbeit, die er bis übermorgen abzugeben hat! Im Gefühlstaumel der letzten Wochen war es ihm leider nicht möglich gewesen, damit anzufangen. Wird es ihm mit Hilfe seines besten Freundes und Mitbewohners, Arkadij Iwanowitsch, gelingen, rechtzeitig fertig zu werden? Eine Geschichte voller Liebe und Zärtlichkeit und von frappierender Aktualität, die man dem Meister des dämonischen Wahnsinns, Fjodor Michailowitsch Dostojewski, so gar nicht zutrauen will, da in ihr alle Figuren gut und nur die Verhältnisse schlecht sind.

DER TOD DES IWAN ILJITSCH
Lew Tolstoj (1886)

„Was ist, wenn ich falsch gelebt habe, wenn ich mein Leben weggeworfen habe? Ja, das ist die Strafe. Aber wofür? Ich habe doch alles getan, wie man es tun soll!“

Am 4. Februar 1882 erfahren die höheren Mitarbeiter des Petersburger Gerichtshofes aus der Zeitung, dass ihr geschätzter Kollege, der Staatsanwalt Iwan Iljitsch, nach langer Krankheit verstorben ist. Das ist für alle Anwesenden sehr bedauerlich, denn man wird wohl zur Beerdigung fahren müssen, die ausgerechnet in einem kleinen Vorort weit außerhalb stattfindet. Auch die junge Witwe scheint weniger wegen des Ablebens ihres geliebten Gatten in tiefer Trauer zu sein, als wegen der etwas zu geringen Summe Geldes, die er ihr hinterlässt. Doch warum ist das so? Bis auf den Grund lässt Tolstoj sein psychologisches Senkbeil hinab, um die Ausmaße eines durch Ehrgeiz so vollständig vergeudeten Lebens auszuloten. Wird Iljitsch in den kritischen, aber liebevollen Augen des Autors Gnade finden?

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